Tatsächlich hat mich bereits die nächste Geschichte erreicht! Zwar spiele dieses Mal nicht ich die Hauptrolle, aber @derkante hat eine berührende Geschichte geschrieben, die zum Nachdenken anregt.
Haltet die Taschentücher bereit!

Die Mücke.

Die Nacht war hereingebrochen, sie lag wie ein dunkler Mantel über der Insel. Die Wärme des Tages war noch spürbar. Es war eine jener Nächte, in denen es nicht kalt zu werden scheint. Es gab nur die Dunkelheit. Das Meer war gegangen, in einigen Stunden würde Niedrigwasser sein und selbst der Wind schien zu schlafen.

Von einer Wiese erhob sich die kleine Stechmücke zu ihrem vorsichtigen Flug durch die Nacht. Die Hitze des Tages hatte sie geschützt im Gras verbracht und erst in der Dämmerung war sie aktiv geworden. Dabei wollte sie sich nicht immer verstecken müssen. Doch sie war klein. Und sie war wehrlos.

Auf ihrem Flug über die nächtliche Wiese begleitete sie nur das leise Summen ihrer Flügel, ein vertrautes Geräusch in ihrer Welt. Rastlos flog die kleine Mücke umher. Sie überflog die ruhige Wiese, sie flog über den Deich. Leise summte sie alleine durch die Dunkelheit, als sie in der Ferne ein kleines Licht entdeckte. Es schien ihr so, als wäre es am anderen Ende der Welt, hatte sie doch keine Vorstellung von der Unendlichkeit. Sie war klein. Sie war allein.

Sie steuerte auf das Licht zu. Es musste etwas bedeuten und sie hatte schon oft davon geträumt. Vielleicht gab es dort weniger Vögel, die nach ihr schnappen würden, wenn sie sich tagsüber anschickte zu fliegen. Oder weniger Fledermäuse, die nachts als lautlose Schatten Jagd auf sie machen würden. Die kleine Mücke wusste es nicht, aber sie hoffte es. Sie war klein. Sie war hilflos.

Die kleine Mücke spürte die Erschöpfung. So sehr sie sich auch bemühte, schien sich sich doch kaum vorwärts zu bewegen. Und was war, wenn alles ein Fehler war? Wenn es ein Fehler war, das geschützte Versteck auf der Wiese zurückzulassen und diesen stundenlangen Flug zu wagen? Doch sie hatte bereits einmal erlebt, wie der Boden auf einmal bebte und sämtliche Grashalme weggeschnitten wurden. Das Chaos und den Schrecken wird sie niemals vergessen. Sie war klein. Und sie hatte Angst.

Und so flog sie weiter. Sie ignorierte die Erschöpfung und war sich sogar sicher, dass sie es schaffen würde. Die Dunkelheit bot ihrem Flug Schutz und das ersehnte Leuchten war schon größer. Die kleine Mücke war sich sicher, dass sie es diesmal erreichen würde. Sie war klein. Aber sie war entschlossen.

Und so erreichte sie tatsächlich die Quelle des Lichts. Es drang aus einem Bauwagen und versprach Sicherheit. Die kleine Mücke war so glücklich, dass sie es geschafft hatte und keine Angst mehr haben müsste. Sie näherte sich dem Licht, doch plötzlich hielt sie ein dünnes, feinmaschiges Netz davon ab weiterzufliegen. Sie flog nach oben und nach unten, doch überall schien der Weiterflug unmöglich. Sie war klein. Sie war ratlos.

Als sich die kleine Mücke umblickte, bemerkte sie, dass auch andere Mücken versuchten, diese Grenze zu überwinden. Sie war so nah am Ziel und konnte die Lichtquelle bereits sehen. Es musste doch einen Weg geben. Sie hatte so oft geplant, diesen Flug durchzuführen, und ganze Tage davon geträumt. Es musste einfach einen Weg geben. Noch einmal flog sie ganz dicht an die Grenze aus feinem Netz, als sie mit einem Mal im Flug hängen blieb. Noch einmal spürte sie Angst, Hilflosigeit und Einsamkeit.

Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen das Bauwagenfenster trafen, war die kleine Mücke in dünne, seiden glänzende Fäden eingewebt. Sie war tot.

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