Als mir Der größte Ritter aller Zeiten von Thomas Asbridge als Rezensionsexemplar angeboten wurde, war ich erst unsicher, ob ich es annehmen sollte. War ich überhaupt geeignet, ein Sachbuch über einen Teil des englischen Mittelalters nicht nur zu lesen, sondern zu bewerten? Zwar interessiere ich mich sehr fürs englische Mittelalter, doch mein Wissen bezog ich bisher aus Romanen von Rebecca Gablé. Andererseits hatte ich im Laufe des Studiums bereits einige Originaltexte aus dem 12. und 13. Jahrhundert gelesen, wieso also kein Sachbuch der heutigen Zeit?

Thomas Asbridge schildert anhand der Biografie des Ritters Guillaume le Maréchal nicht nur die Entstehung und Entwicklung des Rittertums, die Stellung des Ritters innerhalb der mittelalterlichen, adligen, royalen Welt, die Realität des Kriegshandwerkes und die dynastischen Ent- und Verwicklungen zwischen England, Frankreich und der Normandie, sondern er beschreibt auch die Lebensumstände der Menschen im Mittelalter – vom kleinen Grundbesitzer bis zum König.

Guillaume ist deshalb so geeignet für eine solche Darstellung, da er sich, als Sohn eines kleinen Landadligen, geboren inmitten des Hin und Hers zwischen König Stephen und Kaiserin Maud, vom einfachen Ritter zum wohl tatsächlich größten Ritter aller Zeiten hochgearbeitet hat. Am Ende seiner Laufbahn wird er nicht nur einer Reihe von Königen gedient, sondern die Geschicke Englands auch selbst in seinen Händen gehalten haben.

Inhalt und Schreibweise

Dem Buch zugrunde liegt eine Biografie Guillaume le Maréchals, die bereits wenige Jahre nach seinem Tod geschrieben wurde und sich somit auf Aussagen zum Beispiel seines Sohnes stützt. Auf 400 Seiten breitet Thomas Asbridge die gesamte Lebensgeschichte Guillaumes aus, von dessen Geburt im Jahre 1147 bis zu seinem Tod im Jahre 1219. Und diese Lebensgeschichte hat es in sich. Geboren als Sohn eines normannischen Landadligen mit Grundbesitz in Südengland, kommt er schon sehr früh mit den Schwierigkeiten, die man am Hof so haben kann, in Berührung: Er wird eine Geißel König Stephens, der mit der Ermordung des kleinen Guillaume droht. Es wird nicht sein letzter Ausflug ins höfische Leben bleiben.

Guillaume le Maréchal war Ritter, gefürchteter Turnierkämpfer, souveräner Höfling, Kreuzfahrer, Diener von 5 Königen und am Ende sogar Regent des Königreichs. Seine größte Tugend, die ihn immer wieder auch schwierige Situationen meistern ließ, war die Treue zu seinem jeweiligen König. Diese wirklich unverbrüchliche Loyalität zieht sich durch sein ganzes Leben und so unverständlich so auch manchmal anmutet, ist sie doch der Leitfaden durch ein Leben am Hof, das gleichfalls von Regeln wie Intrigen gezeichnet ist.

Da sich Thomas Asbridge auf eine authentische Biografie stützt, ist sein Portrait sehr ausführlich, gleichzeitig hinterfragt er die Vorlage immer wieder und prüft die Details anhand anderer, manchmal objektiverer Quellen, auf ihren Wahrheitsgehalt. So bekommt der Leser nicht nur einen sehr persönlichen, sondern auch fundierten Einblick in das Leben dieses faszinierenden Ritters. An manchen Stellen war mit Asbridges Biografie ein bisschen zu persönlich und wertend, das ist man von deutschen Sachbüchern so nicht gewohnt.

Aufbau und Ausstattung

Der eigentlichen Biografie ist ein Vorwort vorangestellt, in dem erklärt wird, unter welchen Umständen die zugrundeliegende Biografie gefunden wurde. Allein das war schon spannend, fast wäre sie nämlich verloren gegangen.

Die Biografie ist in vier Teile untergliedert: Kindheit und Jugend, Erwachsenenalter, die mittleren Jahre und Altersjahre. Jedes Alter beschreibt eine Etappe im Leben Guillaumes und in der Entwicklung Englands: wie wird man Ritter, der Ritter im Turnier, der Ritter im Kampf für den König, der Ritter als Herrscher.

Der Biografie beigeordnet sind im vorderen Teil Karten Englands, Frankreichs und der Normandie sowie eine Aufstellung der wichtigsten Personen, im hinteren Teil farbige Bilder und ein Register, es gibt 2 Notenapparate. Fußnoten bieten ausführlichere Informationen zum Text, Endnoten bieten Quellen und somit vertiefende Lesehinweise. Die Zählung der Endnoten beginnt bei jedem Abschnitt neu, was ich ziemlich unübersichtlich finde, andererseits wäre die Zahl der Fußnoten sonst riesig geworden. Ein zweites Lesebändchen wäre hier hilfreich gewesen.

Fazit

Ich habe mir für die Biografie Guillaume le Maréchals viel Zeit gelassen und die Lektüre sehr genossen. Neben Fakten über die Entstehung des Rittertums, die dynastischen Entwicklungen des Hauses Platagnet und das Leben im Mittelalter schildert die Biografie auch einige Anekdoten und persönliche Details aus dem Leben des größten Ritters. Obwohl Thomas Asbridge ein Sachbuch geschrieben hat, bietet seine Biografie somit nicht nur Informationen, sondern auch Unterhaltung.

Zwar ist die Biografie sehr persönlich geschrieben, gleichzeitig prüft Thomas Asbridge die zugrundeliegenden Informationen immer mit anderen Quellen, wenn der ursprüngliche Biograf Fakten beschönigt oder ganz weglässt, um Guillaume in einem besseren Licht dastehen zu lassen.

Da mir der Stil manchmal zu persönlich war, ich mir ein zweites Lesebändchen gewünscht hätte und aufgrund einiger Schwächen, die ich auf die Übersetzung zurückführe, gebe ich 4 Sonnen und eine absolute Leseempfehlung – nicht nur für Freunde des englischen Mittelalters. ☼☼☼☼

Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars 🙂

Guillaume le Maréchal

Format: Hardcover, 478 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

Erscheinungstermin: 24. Oktober 2015

Preis: 29,95 €

 

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