Seit Anfang November gebe ich Deutschkurse in einer Erstaufnahmeeinrichtung. In der letzten Woche wurden viele der Teilnehmer, die den Kurs von Anfang an besucht haben, verlegt. Ich wusste, dass das passieren würde. Aber vorbereitet war ich darauf nicht.

Seit über 4 Jahren arbeite ich in einer Kanzlei für Ausländer- und Asylrecht. Ich habe schon viele Schicksalsschläge erlebt, musste sie per Brief mitteilen.

Da war der Mann, der 2012 endlich den Familiennachzug bewilligt bekam. Seine Akte stammte von 2006.

Da war der Mandant, der nach 16 Jahren in den Iran zurückgeschoben wurde.

Da war die Mandantin, deren minderjährige Tochter Aufenthalt in Deutschland bekommen hat, sie selbst aber nicht.

Ich könnte ewig so weitererzählen.

Doch jetzt trifft es mich auf einmal persönlich. Es trifft Menschen, die ich mag. Menschen, die meine Freunde hätten werden können, wenn wir genug Zeit gehabt hätten. Menschen, die ankommen wollten und rumgeschubst werden.

Da ist W., 28. W. hat den ersten Kurs nur unter der Bedingung besucht, dass ihm jemand das Schreiben beibringt. Deutsch spricht er nämlich schon echt gut. Also habe ich ihm Privatunterricht gegeben. Wir haben das Alphabet besprochen, ich habe ihm von Groß- und Kleinschreibung erzählt. Im Gegenzug brachte er mir grundlegende Floskeln auf Arabisch bei. Guten Tag. Guten Morgen. Guten Abend. Wie geht es dir. Die Personalpronomen. Meine Kenntnis der Personalpronomen nutze ich mittlerweile, um Menschen, die den Kurs das erste Mal besuchen und nur Arabisch sprechen, gleich etwas vermitteln zu können. Viele freuen sich, dass ich mich an ihrer Sprache versuche. Wir tauschen quasi unsere Sprachen aus. W. wurde bereits nach meiner ersten Woche verlegt, innerhalb Leipzigs. Wir haben über Facebook und Anrufe Kontakt.

Da ist F., 43. Auch F. hat bereits meinen ersten Kurs besucht. Er saß neben W. und mir, lauschte meinen ersten Arabisch-Versuchen und lobte meine Aussprache. Vor dem 2. Kurs holte er mir einen Tee „mit wenig Zucker“ – wir lachten beide darüber. Als wir die Farben lernten, sagte er mir, dass Gelb das arabische Wort für Herz sei. Dann fragte er, was klopfen heißt, um mir zu sagen, dass sein Herz für mich klopft. Zum letzten Kurs kam er zu spät, ich dachte schon, er sei weg, dann tauchte er doch noch auf. Letzte Woche bekam ich die Nachricht, dass er verlegt wurde. Ich weiß nicht, wo er ist.

Da ist A., 16. Mit A. hatte ich kaum etwas zu tun, aber eine andere Lehrende hat mir von ihm erzählt. In der ersten Stunde hatte er keinerlei Vorkenntnisse, dafür 2 blutig geschlagene Augen. Er fragte direkt nach einer Vokabelliste zum Lernen, die er in der nächsten Stunde erhielt. Er blühte im Kurs auf, war ungemein aufgeweckt und wissbegierig. Letzte Woche wurden seine Eltern nach Chemnitz verlegt, 2 Tage später fiel den Behörden auf, dass sie den Sohn vergessen haben.

Da ist H., 33. H. lernte ich in meiner zweiten Stunde kennen. Da er Französisch spricht, konnten wir gut kommunizieren. Er besuchte jede Woche jeden Kurs, machte große Fortschritte, auch wenn er sich kaum traute, zu sprechen. Oft half er beim Unterricht, sprach Sätze vor, erklärte, dolmetschte. Als ich ihm erzählte, dass ich nach dem Kurs gegen Legida demonstrieren gehe, wollte er mitkommen. Wir besuchten unsere Kundgebung und begleiteten später mit einigen anderen Gutmenschen den Weihnachtsmarktbesuch von Markus Johnke. Während der Führer der Leipziger Menschenfeinde seelenruhig seine Bratwurst aß, erzählte mir H. seine Geschichte und rührte mich damit zu Tränen. H. erfuhr gestern Abend, dass er heute verlegt werden soll. Bis er heute abgeholt wurde, wusste er nicht, wohin. Er ist jetzt in einem Kaff bei Chemnitz. Wir haben über Facebook Kontakt.

Wo auch immer ihr seid, wohin auch immer ihr kommt – ich wünsche euch von Herzen nur das Beste!

Am Sonntag wollen die Lehrenden und Teilnehmer der Kurse bei einer Weihnachtsfeier zusammen kochen, reden, Spaß haben. Ich weiß nicht, wer noch übrig ist und kommen kann.

Wir haben zusammen gelernt, wir haben zusammen gelacht, wir haben uns unterhalten und etwas miteinander unternommen. Wir sind Freunde geworden. Und dann sind sie verschwunden.

Wir werden die nächsten Menschen unterrichten, mit ihnen lachen, reden, Dinge unternehmen. Wir werden Freundschaften schließen. Und auch sie werden verschwinden.

Ich weiß, dass das passieren wird. Aber ich werde nie darauf vorbereitet sein.

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