Mir scheint, der Herbst ist eine gute Jahreszeit, um es sich mit einem guten Buch im Bett gemütlich zu machen und sich ein bisschen zu gruseln. Meinen Leseherbst eingeläutet hat der französische Roman Le Passager von Patrick Senécal, der – wohl nicht zu Unrecht – als frankokanadischer Stephen King bezeichnet wird.

Étienne, der gerade nach langjähriger Beziehung von seiner Freundin verlassen wurde und in Trauer versinkt, erhält einen Job als Lehrer an einer weiterbildenden Schule. Er soll Fantastische Literatur unterrichten, mit der er sich selbst noch nie auseinandergesetzt hat. Schnell schießt er sich auf Romane ein, deren Leitmotiv Kinder sind – vermeintlich unschuldige Kinder. Die Faszination für die Kindheit rührt wahrscheinlich von seiner eigenen her, an die er sich aufgrund einer Amnesie nicht erinnern kann. Er ist Pendler und nimmt bald einen Mitfahrer auf, Alex. Und obwohl er Alex mag und sie sich gut unterhalten, ist an Alex irgendetwas komisch. Außerdem hat er seit Neuestem wirklich verstörende Träume. Sind Kinder wirklich so unschuldig, wie Étienne glaubt?

Ähnlich wie ich sieht Patrick Senécal den wahren Horror nicht in fantastischen Monstern, sondern im Menschen selbst und im Bösen, zu dem er fähig ist. Weiterhin sind Vergangenheit und Erinnerungen gruselige Motive für mich, stiften sie doch Unsicherheit – bei Étienne wie bei mir.

Immer mehr gerät Étienne in einen Strudel der Ungewissheit: Was ist Traum, was ist Erinnerung, was ist Realität? Warum verhält sich Alex so geheimnisvoll? Und was hat es mit den seltsamen Morden auf sich, zu denen Étienne immer in irgendeinem Zusammenhang steht?

Obwohl ich spätestens ab der Hälfte eine Ahnung hatte, was die Lösung des Geheimnisses um Alex ist, las sich Le Passager weiterhin spannend, war ich trotzdem weiterhin neugierig und gruselte mich. Patrick Senécal hat es sehr gut geschafft, die Spannung über seinen kompletten Roman aufrechtzuerhalten. Und auch wenn ich nicht alle Handlungen Étiennes nachvollziehen konnte und manchmal den Kopf über ihn geschüttelt habe, liegt das sicher vor allem an der gelungenen Schilderung von Étiennes Unsicherheit, zunehmend verliert er den Bezug zur Realität.

Einerseits hätte ich mir manchmal ein paar ausführlichere Schilderungen abseits der Haupthandlung gewünscht, andererseits wäre dadurch sicher auch ein Teil der Dynamik und somit der Spannung verloren gegangen. So las sich das Buch quasi von selbst und ich konnte es kaum mehr aus der Hand legen.

Ich vergebe 4 Sonnen und eine Leseempfehlung ☼☼☼☼

Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid, euch den Roman auf Französisch aber nicht zutraut, wartet doch einfach die Übersetzung ab 🙂

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