Ich hatte Depressionen.
Ich schreibe „hatte“, weil ich nach 2 Therapien mit einer Gesamtdauer von 2,5 Jahren als geheilt galt. Ich empfand das damals selbst so und empfinde es immer noch so. Aber ich glaube gleichzeitig, dass man diesen Abgrund immer mit sich trägt.
Es gibt immer noch Tage, an denen ich schon depressiv aufwache. An denen schon das Aufwachen ein einziger Kampf ist. An denen ich mich wie durch Kaugummi an die Oberfläche kämpfe, wo mich dann die Erkenntnis trifft.
Scheiße. Es ist einer dieser Tage. Heute zum Beispiel ist einer dieser Tage.

Ich habe Mein Herz und andere schwarze Löcher gelesen, weil mich die Umsetzung interessiert hat. Der Inhalt klang erst mal ziemlich klischeehaft.

Aysel und Roman wollen sterben und sie wollen es gemeinsam tun. Doch dann verliebt Aysel sich in Roman und will sie beide retten.

Ja, es klingt klischeehaft. Ja, es klingt kitschig. Ja, es klingt pathetisch. Aber nur ein bisschen. Vor allem nämlich ist es eine wunderschöne und einfühlsame Geschichte über zwei Jugendliche, die den Tod suchen und das Leben finden.

Jeder, der einmal so traurig war, weiß, dass Depressionen weder schön noch literarisch noch geheimnisvoll sind.

Zwei Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr leben wollen, dem Leben und ihren Liebsten den Rücken kehren und sich von allen abkapseln. Zwei Jugendliche, die in kleinstädtischer Enge aufwachsen, wo jeder jeden kennt und niemandem ein Fehltritt verborgen bleibt. Zwei Jugendliche, die unterschiedliche Wege haben, sich die Welt und sich selbst zu erklären – Aysel die Physik, Roman die Malerei.

Auch wenn das Ende vorhersehbar ist, wird ihre Geschichte dabei nicht Knall auf Fall erzählt. Beide Figuren, ihre Schicksale, ihre Gefühle haben Zeit, sich zu entfalten. Auch andere Komponenten des Lebens – Familie, Arbeit, Schule – werden eingeflochten und zu einer authentischen Geschichte verwoben.
Beide, vor allem aber Aysel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, durchlaufen eine nachvollziehbare Entwicklung. Wir erleben Aysels Trauer, ihre Verzagtheit, ihre Einsamkeit – aber auch, wie ihr Entschluss ins Wanken gerät und ihr verzweifeltes Ringen um das Leben.

Im Grunde sind mein depressiver Kopf und mein sehr lebendiger Körper ständig im Konflikt.

Ja, es ist klischeehaft. Ja, es ist klitschig. Ja, es ist pathetisch. Aber nur ein bisschen. Vor allem aber bietet die Geschichte interessante Einblicke in die Gefühlswelt eines Depressiven, der eben mehr als einfach nur traurig ist, und – Hoffnung.

Ich habe Rotz und Wasser geheult. Aber das ist gut. Das ist lebendiges Gefühl, nicht dieser dumpfe, bleierne Schleier, der sich bisweilen auf mein Gemüt legt und mich gar nichts fühlen lässt.

Ich vergebe 5 von 5 Sonnen für diese wichtige und gute Geschichte ☼☼☼☼☼

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