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Trotz eines seit vielen Jahren bestehenden, aber diffus gebliebenen Interesses an den Werken Friedrich Nietzsches hatte ich mich doch nie mit ihnen beschäftigt. Ob das nun an tatsächlichen oder vorgeschobenen Zeitproblemen lag, will ich hier gar nicht klären.

Das änderte sich dieses Semester aus doppeltem Anlass: Ich belegte ein Seminar zu Thomas Mann, in dessen frühen Erzählungen die Einflüsse von Schopenhauer, Nietzsche und Wagner deutlich zu sehen sind. Außerdem besuchte ich ein Kolloquium zur Theorie des Tragischen, in dem jeder Teilnehmer ein Referat halten sollte – ich entschied mich für Die Geburt der Tragödie von Nietzsche.

Dann erreichte mich der Aufruf eines Dozenten zur Teilnahme an der Nietzsche-Werkstatt. Interesse hatte ich wohl, allein mir fehlte das nötige Wissen. Auf Anraten meines Dozenten erbat ich eine Teilnahme als reine Zuhörerin, die mir gestattet wurde.

Die 22. Nietzsche-Werkstatt fand vom 09. bis zum 12. September statt und beschäftigte sich mit Nietzsches Nachlass. Dabei sollten die Fragen geklärt, oder zumindest diskutiert, werden, in welchem Verhältnis Nachlass und publiziertes Werk zueinander stehen, welche Rolle die jeweilige Darstellungsform (Einkaufszettel, Notizbücher, Notizen auf Briefumschlägen etc.) spielt und wie der Nachlass zu interpretieren ist. Hierzu gab es folgende Vorträge mit anschließender Diskussionsrunde:

  • Einleitung: Nietzsches Nachlass
  • Einführung in die KGW IX
  • Abendvortrag: Nietzsches Schreiben als philosophische Experimentalistik
  • „Der Umgang mit den nachgelassenen Aufzeichnungen Nietzsches ist schwierig […]“
  • Die Philologie, das schlechte Gewissen der Philosophie? Eine Fallstudie anhand von Karl Löwiths Nietzsche-Interpretation
  • Der Status des ästhetisch-musikalischen Nachlasses in der Philosophie Nietzsches
  • Der Beitrag der nachgelassenen Aufzeichnungen für Nietzsches ästhetische Konzeption
  • Das Potenzial und die Grenzen des Nachlasses anhand der Interpretation des dritten Dionysos-Dithyrambus

Als mein Dozent kurzfristig absagte, überlegte ich, abzusagen. Ich war unglaublich aufgeregt, hatte weder Ahnung von Werk noch Nachlass und Angst, dumm dazustehen zwischen all den Forschern. Was bin ich froh, es nicht getan zu haben. Nicht nur, weil es trotz teilweise recht großer Verständnislücken inhaltlich aufschlussreich war, ich habe auch viele interessante und freundliche Menschen kennengelernt, die mich trotz meiner Unkenntnis mit offenen Armen empfangen haben. Auch abseits von Nietzsche ergaben sich angenehme Gespräche z.B. über Mann und Heine, auch Gedichte wurden mir vorgetragen (Hälfte des Lebens von Hölderlin, die Todesfuge von Paul Celan – vielen Dank noch mal dafür!) . Die Teilnehmer kamen neben Deutschland und der Schweiz auch aus Brasilien und Argentinien.

Inhaltlich konnte ich mit den Vorträgen, die sich der Ästhetik widmeten, am meisten anfangen, zumindest Die Geburt der Tragödie hatte ich ja während des Semesters gelesen. Doch am interessantesten war die Einführung in die KGW IX. Die KGW ist die kritische Gesamtausgabe von Nietzsches Werken, die 9. Abteilung widmet sich dabei dem handschriftlichen Nachlass ab dem Frühjahr 1885. Hier wird also direkt mit Nietzsches handschriftlichen Aufzeichnungen, z.B. in Form von Notizbüchern, die Nietzsche (fast immer) von hinten nach vorn, aber trotzdem von links nach rechts, beschrieb, gearbeitet, die für den Leser entziffert und nutzbar gemacht werden. Veränderungen, Zusätze, Korrekturen und mehrere Stufen der Textentstehung werden somit sichtbar. Veröffentlicht werden die edierten Texte in Buchform nebst Faksimile auf CD. Im Zuge gemeinsamer Lektüre schauten wir uns sowohl die edierten Texte als auch die dazugehörigen Faksimiles an. Faszinierend.

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Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit der Teilnahme an dieser Nietzsche-Werkstatt. Zwar konnte ich keinen eigenen Beitrag leisten, dafür aber umso mehr mitnehmen – vor allem das Vorhaben, mich nun endlich mal dem Werk (und natürlich dem Nachlass) Nietzsches zu widmen.

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Collage Bismarckturm

Untergebracht waren wir während der 3 Tage im Bismarckturm in Naumburg, wo Nietzsche seit früher Kindheit lebte, die Vorträge fanden in der Landesschule Pforta, deren Schüler er war, statt.

Collage Schulpforta

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Meine Herren, solltet ihr das je lesen: Es gibt bei Twitter – wie nicht anders zu erwarten – nicht nur den Hashtag #Nietzsche, sondern auch einen Nietzsche-Account – der allerdings seit Januar 2013 ungenutzt ist.

Mein lieber Freund, das da oben ist kein berechnendes Geschleime, sondern wahrhaftige Begeisterung.

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