In vielen Rezensionen, gerade bei High Fantasy, werden immer wieder die sogenannten Längen, also Stellen, die die Handlung nicht vorantreiben, dabei aber z.B. die Umgebung beschreiben, kritisiert.

Ich kann das nicht nachvollziehen. Besonders bei Geschichten, die in fremden Umgebungen spielen, wie eben (High) Fantasy oder historische Romane, sind es doch gerade diese Beschreibungen, die Atmosphäre schaffen, die helfen, uns nicht nur in die bloße Geschichte, sondern auch in die Umstände und Stimmungen einzufühlen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Semester ein Seminar zu den frühen Erzählungen Thomas Manns belege, jedenfalls habe ich in den letzten Tagen viel über ausführliche, bildhafte Beschreibungen und ihren Einfluss auf die Geschichte nachgedacht.

Thomas Mann, der zumindest in seinen frühen Erzählungen dem Realismus bis hin zum Naturalismus zuzuordnen ist, gibt unglaublich viele Details über seine Protagonisten beispielsweise nicht über Dialoge, sondern über Beschreibungen ihrer Lebensumstände, ihrer Wohnung, ihrer Kleidung etc., die am Ende ein Gesamtbild ergeben, wenn man sie denn zu lesen versteht. So beschreibt er beispielsweise zu Beginn der Buddenbrooks mitten während eines Gespräches bis ins Kleinste das Landschaftszimmer, dessen Einrichtung und die Kleidung sowie Frisuren der Personen, ähnlich einem Kameraschwenk bei Filmen. Das Gespräch läuft währenddessen ungeschrieben im Hintergrund weiter. Dabei gibt er dem Leser ganz nebenbei Informationen über die Herkunft der Personen, den sozialen Status der Familie (Wer hat schon ein Landschaftszimmer?) sowie über ihre familiäre und emotionale Verbindung untereinander.

Bei aktuellen (Trivial-)Romanen fehlt dieses beschreibende Element häufig oder wird als überflüssige Länge kritisiert. So habe ich z.B. schon kritische Rezensionen zur Millennium-Trilogie gelesen, die sich daran aufhängten, dass Stieg Larsson seine Figuren gelegentlich ein Brot essen, vorher einkaufen und nachher aufs Klo gehen lässt. Sicher ist das auch Geschmackssache, aber ich mag es, wenn ein Autor nicht nur eine Geschichte in einem leeren Raum erzählt, sondern es unabhängig von dieser Geschichte noch Leben um die Figuren gibt, ein Davor und Danach, ein Abseits des beschriebenen Weges.

Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich viele historische Romane, die um eine einzelne, vom Schicksal gebeutelte, sich dann aber aus ihrem Unbill hervorkämpfende Frau kreisen, nicht (mehr) gern lese – diese Frauenpower-Romane können letztlich mit wenigen Veränderungen in jeder Zeit spielen, historische Details und Hintergrundinformationen bieten sie selten.

Vielleicht lese ich auch einfach die falschen Bücher …

Wie steht ihr zu Beschreibungen und Längen? Stören sie euch, weil ihr auf die Geschichte fixiert seid, oder könnten manche Bücher ruhig mehr davon haben?

Viele Grüße
Mandy

Nachtrag 30.04.2014

Eine meiner Dozentinnen, sie hält Vorlesungen über Komik und Drama im 20. Jahrundert, sagte heute, es würde oft behauptet, „die Opulenz der naturalistischen Nebentexte wäre eine Determinierung – aber dem ist nicht so!“ Das hielt ich für sehr passend in diesem Zusammenhang 🙂

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