Vor einiger Zeit bot mir Matthias Wenzel sein Erstlingswerk an. Da ich zwar schon einiges über die Zeit (11. Jahrundert), noch nichts aber über den 1. Kreuzzug gelesen hatte, griff ich zu. Außerdem wird die Geschichte aus Sicht einer historischen Person, des Chronisten Raimunds persönlich, geschildert, was meine Neugier steigerte.

Raimund ist ein einfacher Mönch, als er dem Grafen von Toulouse, Raimund IV., begegnet. Er ist beeindruckt von dessen natürlicher Macht und gleichzeitiger Menschlichkeit. Als der Graf ihn bittet, ihn auf den Kreuzzug zu begleiten und diesen zu dokumentieren, sagt Raimund zu. Eine Reise, die Raimunds Weltbild kompett auf den Kopf stellen wird, beginnt.

Von einigen Schwächen abgesehen, konnte mich das Buch inhaltlich überzeugen. Da der Kreuzzug aus Sicht eines Priesters, dem der Kampf und das kriegerische Leben vollkommen fremd sind, geschildert wird, bekommt der Leser sowohl Einblicke in das (Lager-)Leben der Grafen und Ritter, zu denen er aufgrund seiner Stellung als Chronist des Grafen gehört, als auch in das der einfachen Fußsoldaten und armen Pilger, denen er sich wegen seiner Herkunft als Mönch nahe fühlt.

Die Schilderungen der Beschwernisse während der Reise – schlechtes Wetter, beschwerliche Wegabschnitte, fremde Gegenden, Verständigungsschwierigkeiten, Hunger und Krankheit – und der Gräuel des Kampfgeschehens – Belagerung, Kampf, Unmengen an Blut und Toten auf beiden Seiten – waren sehr anschaulich. Raimund, der bisher nur das sichere Leben in seinem Kloster kennt und trotz seiner bei der Teilnahme an den Verhandlungen der Grafen und Fürsten gewonnen Einsichten in das Geschehen „hinter den Kulissen“ immer den Blick auf die Menschen behält, nehmen die Strapazen und die Toten sichtlich mit, darauf war er nicht vorbereitet. Die „christliche Sache“ gerät für ihn immer mehr in den Hintergrund und er beginnt sie zu hinterfragen, zumal er durch seinen Glauben nicht verblendet ist, was sich an seiner (sich wandelnden) Sicht auf die Heiden deutlich zeigt – diese Sicht war sehr erfrischend, vor allem bei einem Kreuzzug. Die Kämpfe selbst waren mir für die Anzahl der Toten, die es danach immer gab, und für die Ströme an Blut etwas zu kurz geschildert. Auch der Anfang, Raimunds Vorgeschichte gewissermaßen, war etwas gerafft. Man merkte, dass es dem Autor um etwas anders, den eigentlichen Kreuzzug, ging, was schade war.

Trotz seiner erkennbaren geistigen Reifung war Raimunds Naivität manchmal ganz schön nervig. Ich habe überhaupt nichts gegen Männer, die Gefühle zeigen, aber an manchen Stellen war er mir doch etwas zu weich und ich hätte ihn am liebsten geschüttelt, wenn er wieder mal nur mit Tränen reagierte. An anderen Stellen wiederum war sein durch das Klosterleben bedingte Nichtwissen sehr amüsant.

Warum irgendwie jeder Roman eine Liebesgeschichte benötigt, erschließt sich mir auch nicht ganz, zumal mich die beiden Liebenden leider so gar nicht überzeugen konnten. Es gab überhaupt nur eine Szene, die mich wirklich mitgenommen hat, sodass ich weinend in der Bahn saß. Das ist mir in einem 561 Seiten starken Werk, in dem es vor Entbehrungen und Toten nur so strotz, zu wenig. Auch die Gespräche blieben hölzern und lasen sich dadurch unschön. Hinzu kam, dass über Raimund viele Informationen an den Leser gebracht werden sollten, wodurch Raimund oft nervtötend belehrend wirkte.

Ein richtig großer Minuspunkt aber ist die sprachliche Seite: Dieses Buch hat offensichtlich nie ein Lektorat bekommen, es strotzt geradezu vor Tipp-, Rechtschreib-, Grammtik-, Interpunktions- und Ausdrucksfehlern. Wenn ich schätzen müsste, waren es sicher durchschnittlich mindestens 2 Fehler auf jeder Seite und das ist definitiv zu viel! Ja, das Buch wurde selbst verlegt und nicht jeder kann sich ein (gutes) Lektorat leisten, und ja, nicht jeder Autor beherrscht die Rechtschreib- und Grammatikregeln, dafür gibt es ja das Lektorat. Dass aber nicht einmal Fehler korrigiert wurden, die jedes Textverarbeitungsprogramm anzeigt, hat mich ziemlich aufgeregt. So fehlen in manchen Sätzen Wörter, in anderen sind Wörter oder „Buchstabenkombinationen“ zu viel, was durch Umstellung von Sätzen eben passieren kann. Mein Lesefluss wurde gestört, was sich wiederum negativ auf meine Lesefreude auswirkte.

„Chronist: Der erste Kreuzzug“ hat mir viele Interessante Einblicke in einen mir bis jetzt nahezu unbekannten Abschnitt der europäischen Geschichte gewährt. Manchmal wäre eine Karte ganz hilfreich gewesen, aber dank Google war mein Orientierungsproblem recht bald behoben. Wegen des guten Inhalts und der anschaulichen Schilderungen auf der einen, aber der katastrophalen sprachlichen Leistung auf der anderen Seite vergebe ich 3 Sonnen.

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