das Buch bei lovelybooks (Ich habe allerdings die Club-Ausgabe, darauf beziehen sich auch die angegebenen Seitenzahlen)

Nach relativ langer Zeit kommt hier mal wieder eine Rezension von mir. Warum ich in letzter Zeit kaum zum Lesen, geschweige denn zum Bloggen komme, erzähle ich euch ein anderes Mal.

Aber zurück zum Buch.

Der Kinderpapst erzählt die Geschichte des jüngsten Papstes aller Zeiten – Benedikt IX, vulgo Teofilo di Tuscolo. In sehr jungen Jahren auf den Thron gesetzt, muss er auf alles verzichten, was er sich für sein Leben gewünscht hat, vor allem aber auf seine große Liebe Chiara. Unter dem Druck droht Teofilo zu zerbrechen – kann seine Liebe zu Chiara ihn retten?

Ich mag historische Romane, die fiktionale Charaktere nutzen, um uns die Historie näher zu bringen (zum Beispiel The Saxon Stories von Bernard Cornwell). Romane hingegen, die die Historie benutzen, um uns die (meist schnulzige Liebes-)Geschichte ihrer fiktionalen Charaktere zu erzählen, mag ich nicht (zum Beispiel Die Wanderhure von Iny Lorentz).

Und obwohl Der Kinderpapst auf einer wahren Begebenheit beruht, gehört er für mich dennoch leider in die zweite Kategorie.

Um es kurz zu machen: Das Buch hat mich einfach nur enttäuscht. Und das aus mehreren Gründen.

Zum Einen war ich von der Umsetzung des eigentlich spannenden Themas überhaupt nicht begeistert.
Aus der Geschichte eines tragischen Papstes machte Prange irgendwie eine kitschige Liebesschnulze, die man in jedem Groschenheft finden könnte. Die Charaktere haben wenig Tiefgang und lassen keine Entwicklung erkennen. Das ewige Hin und Her von Chiara ging mir irgendwann gehörig auf den Zeiger. Es ist natürlich nur zu verständlich, dass sie sich in einem emotionalen Dilemma befindet und ich habe durchaus mit den beiden Liebenden mitgefiebert – aber ob das nun wirklich an Pranges Schilderungen lag oder doch eher an meinem Einfühlungsvermögen sei mal dahingestellt. Aber ehrlich, wenn ich einen Selbst-ist-die-Frau-Roman lesen will, dann leihe ich ihn mir von meiner Tante aus.

Zum Anderen hat mich die Sprache einfach nur aufgeregt.

Nicht nur die Erzählerrede ist sehr einfach gehalten, vor allem die gesprochene Sprache, ein immer wiederkehrender Kritikpunkt meinerseits, war mir ein ständiges Ärgernis.

Gregorius, der ältere Bruder Teofilos, soll durch seine Sprache als derber und ordinärer Kerl dargestellt werden. Das Problem dabei ist, dass Prange ihm öfter mal Wörter in den Mund legt, die es in der Bedeutung zu der Zeit noch gar nicht gab.
Mir ist natürlich klar, dass man eine solche Geschichte, die im 11. Jahrhundert spielt, heute nicht authentisch versprachlichen kann – die wenigsten Menschen verstehen nun einmal Althochdeutsch. Trotzdem sollte der Autor sich vielleicht vorher informieren, ob seine Figuren solch gewollt saloppe und dadurch herausstechende Wörter wie „ficken“ (z.B. S. 380), „Schiss“ (z.B. S. 511) und „Schwanz“ (z.B. S. 508) überhaupt hätten benutzen können – hätten sie nämlich nicht.
Die sexuelle Bedeutung von „ficken“ gibt es beispielsweise erst seit dem 16. Jahrhundert, die Ableitung „Schiss“ von „scheißen“ gibt es auch erst seit dem 16. Jahrhundert, und „Schwanz“ liegt in der Bedeutung von „Penis“ immerhin auch erst seit dem Mittelhochdeutschen vor.
Das mag nicht jedem Leser auffallen, mich mit meinem Interesse für Sprachgeschichte hat es aber gestört. Und auch andere Leser gehen ja mit einem gewissen historischen Interesse an solche Romane heran.

Apropos historisches Interesse: Wer hofft, mit diesem Roman etwas über das Leben im Mittelalter zu erfahren oder wenigstens etwas Atmosphäre zu erleben, wird enttäuscht werden, es stehen, wie schon bemängelt, eher die schlecht ausgearbeiteten Figuren im Vorderpunkt. Und die sind mir zu einem Großteil auch noch unsympathisch gewesen, auch Teofilo, den ich an sich menschlich, wenn auch nicht moralisch, sogar verstehen konnte – wirklich mitfühlen konnte ich aber dennoch nicht, da er mich schlicht kalt gelassen hat.

Außerdem hatte ich beim Lesen irgendwie nie das Gefühl, eine zusammenhängende Geschichte zu lesen. Durch die sehr kurzen Kapitel wurde ich im Lesefluss immer wieder ausgebremst und hatte vielmehr den Eindruck, ein Episodenstück vor mir zu haben. Dadurch las es sich auch nicht schön in einem Rutsch durch.

Für das interessante Thema und den gelungenen Einstieg in die Geschichte, eine Debatte über die geplante Seligsprechung Benedikts IX im Jahre 1981, vergebe ich 2 von 5 Sonnen. Schade.

(als Quelle für die sprachgeschichtliche Betrachtung diente mir mein Herkunftswörterbuch. Der 7. Band des Duden in der 4. Auflage)

 

Meine Lesekarte hat sich dieses Mal nicht so sehr gefüllt wie noch bei der Verlorenen Bibliothek – ich bin leider kaum aus Rom herausgekommen:

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Viele Grüße aus der Stadt der verschwundenen Kinder

Mandy

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