Ich möchte vorwegnehmen, dass ich noch nie sonderlich gut darin war, etwas zu interpretieren.
Sollte ich dem Autor hier also Unrecht tun, so tut mir das leid.

Der erste Band ist, bis auf Mängel in der Glaubwürdigkeit der Emotionen der Figuren, ganz gut gelungen.

Pullman entwirft eine faszinierende Theorie vieler Parallelwelten und erschafft so eine für mich neue und unbekannte Art der Fantasy, in die er bekannte Elemente wie Hexen und sprechende Tiere integriert, die mir, spätestens am Ende der Trilogie, ans Herz gewachsen sind.

Dass das so lange gedauert hat, lag sicher daran, dass Pullman hier keine Kuscheltiere, sondern echte Charakterköpfe geschaffen hat.

Die Idee der „ausgelagerten“ Seelen in Form von Daemonen gefiel mir besonders gut, was sich im Verlauf der Trilogie nicht änderte. Diese Szenen waren, wie schon öfter geschrieben, die einzigen, die mich wirklich tief berührten. Ich glaube allerdings, dass das eher an einer mir bisher unbekannten Sehnsucht nach einem eigenen Daemon liegt und nicht an Pullmans Schilderungen.

In Band 2 baute Pullman meiner Meinung nach etwas ab, es war eher eine Aneinanderreihung von Geschehnissen, als eine Geschichte mit klar erkennbarem rotem Faden.

Doch Band 3 setzte dem Ganzen nun die Krone auf.

Etwas so Abstruses und Hanebüchenes habe ich selten gelesen. Ich weiß natürlich, was Fantasy bedeutet, doch erwarte ich, dass auch innerhalb einer erdachten Welt alles in sich geschlossen und plausibel ist. Das war hier nicht der Fall.

Ich bin ja eigentlich ein Freund von Längen, die Atmosphäre stiften, aber selbst meiner Meinung nach hätte der Autor sich einige Szenen einfach sparen können, weil sich mir deren Bedeutung einfach nicht erschließen wollte.

Viele geschilderte Geschehnisse werden nicht abgerundet oder wenigstens irgendwie zu einem halbwegs befriedigenden Ende gebracht, sodass sich mir ihr Sinn nicht erschließt, sie erscheinen überflüssig. Andere wirken wie einfach in die Geschichte gepresst, weil der Autor zu jedem nur möglichen Thema eine Meinung haben wollte. Wieder andere Themen (z.B. vorbeugende Absolution, Homosexualität) scheinen nur angesprochen zu werden, um die Kirche zu kritisieren, was sie als Mittel zum Zweck erscheinen lässt. Der Eindruck beschlich mich übrigens bereits im 2. Band das erste Mal und verstärkte sich dann immer mehr.

Der, ziemlich lang vorbereitete und dann sehr absurd geschilderte, Besuch im Reich der Toten bietet Pullman die Gelegenheit, einige meiner Meinung nach recht platte Äußerungen über den Tod von sich zu geben. So verliert man seine Angst vor dem Tod, der einen Menschen übrigens ähnlich wie ein Daemon ein Leben lang begleitet, wenn man ihn annimmt und willkommen heißt. Außerdem sind im Tod alle gleich:

„Das Tor zum Land der Toten befindet sich auf dieser Insel“, verkündete der Alte. „Alle kommen hierher, Könige und Königinnen, Mörder, Dichter und Kinder. Alle gehen diesen Weg und keiner kommt zurück.“

(Band 3, S. 322)

„ … denn ein jeder muss am Ende zahlen, ganz unterschiedslos.“

(Band 3, S. 323)

Auch mit anderen, reichlich pauschalen und vereinfachten Aussagen über Kinder und Tiere kann ich nichts anfangen und hoffe, sie tatsächlich falsch interpretiert zu haben. Allerdings lassen sie kaum Raum für Interpretationen.

„Während die Vampire vom Blut leben, leben die Gespenster von Aufmerksamkeit, von einem bewussten, zielgerichteten Interesse an der Welt. Unreife Kinder sind für sie deshalb nicht interessant.“

(Band 2, S. 315)

„Die Oblations-Behörde und die Gespenster mit ihrer Gleichgültigkeit sind beide von einer den Menschen betreffenden Wahrheit besessen: dass Unschuld und Erfahrung zwei verschiedene Dinge sind.“

(ebd.)

Möglich, dass ich da etwas empfindlich bin, aber ich glaube nicht, im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, die von Kindern wegen ihres Vorsprungs an Alter und Erfahrung Respekt verlangen, dass Kinder keine Erfahrungen haben und unreife, sich ihrer Umwelt nicht bewusste Wesen sind. Ich glaube im Gegenteil, dass es viele Erfahrungen gibt, die man nur als Kind machen kann und die das Leben für immer prägen (können).
Außerdem glaube ich, dass Kinder, oder auch Kind gebliebene Erwachsene, in vielerlei Hinsicht offener für die Wunder der Welt sind, sie sind eher bereit, Unglaubliches und Fantastisches anzunehmen.

Das Gleiche bei Tieren.

„Die Tiere konnten also sprechen, sie konnten Feuer machen und hatten eine Art Gemeinwesen entwickelt. Mary mochte auf einmal gar nicht mehr von ihnen als Tiere denken. Diese Wesen waren zwar keine Menschen, aber mindestens ebenso intelligenzbehaftete Lebewesen.“

 (Band 3, S. 135)

„Einige der Wesen rollten zum Teich und tranken, andere warteten, allerdings nicht mit der apathischen Neugier von Kühen, die sich an einem Gatter versammeln. Es handelte sich hier um mit Intelligenz und Willen begabte Individuen, um Wesen wie Menschen.“

(Band 3, S. 478)

Beim Lesen der ersten Stelle beschlich mich der Gedanke, der arme Pullman hat vielleicht noch nie etwas von Honigbienen und Ameisen gehört.

Auch die zweite Stelle wird Tieren nicht gerecht, und da spreche ich sicher nicht nur begeisterten Haustierbesitzern aus der Seele, die sowieso davon überzeugt sind, den klügsten Hund und die cleverste Katze zu besitzen.

Ob nun ausgerechnet Kühe intelligent sind, kann ich nicht beurteilen, aber Tests haben gezeigt, dass nicht nur Primaten, sondern zum Beispiel auch Schweine über ein Ich-Bewusstsein verfügen, das etwa dem dreijähriger Kinder entspricht – sind alle Kinder unter 3 Jahren jetzt Tiere?

Das wiederum zeigt, dass eben auch Kinder schon über ein Bewusstsein verfügen.

Dass Tiere hier gewissermaßen als Schimpfwort benutzt wurde, irritierte mich beim Lesen doch ganz schön.

Den Gedanken der vielen Parallelwelten, den Pullman aufwirft, finde ich echt faszinierend, und die Möglichkeit, dass die Evolution in jeder dieser Welt anders verlaufen sein könnte, ist ebenfalls interessant.
Dass sich aber Menschen, die aus dem entsprechenden Land einer Parallelwelt kommen, miteinander über die gleiche Sprache verständigen können, passt da nicht so ganz ins Bild, auch die Sprachen könnten sich doch zumindest unterschiedlich entwickelt haben.

Auch dass es jeder, selbst Menschen, die von der Theorie der vielen Welten noch nichts gehört haben, einfach hinnimmt, dass da eben ein ihm unbekanntes Wesen aus einem Fenster mitten in der Welt steigen kann und keiner mit wirklich ernstzunehmenden Angstzuständen reagiert, ist, mal wieder, nicht glaubwürdig. Würde sich mir auf einem Waldspaziergang ein gepanzerter Eisbär in den Weg stellen, wäre ich jedenfalls sicher mehr als nur erstaunt.

Bis zum Schluss konnte ich nicht wirklich in Worte fassen, was genau mich an dem Werk eigentlich wirklich so stört, doch ich glaube, nun habe ich es.

Die Welten, die Pullman hier schafft, die Wesen, die Möglichkeiten sind einerseits so fantastisch, andererseits so realistisch, dass es eine schöne fantastische Erzählung hätte werden können.
Aber dann kam Pullman und zog seine antiklerikale Keule drüber und alles war dahin.
Den Vorwurf, die Trilogie wäre blasphemisch, kann man Pullman meiner Meinung nach nicht machen, dazu ist die Schilderung des wirklichen Allmächtigen zu anrührend, es wird klar, dass nicht Gott der Böse in der Geschichte ist.
Doch hatte ich von Anfang an das Gefühl, der Autor wollte eigentlich eine Kirchenkritik schreiben und hat, um mehr Menschen zu erreichen, eine Geschichte drumherum konstruiert, eine Geschichte, die nur Mittel zum Zweck war und das ist schade.
Und genau das ist es, was mich so enttäuscht und traurig macht.

Und auch wenn es jetzt möglicherweise komisch klingt, so tut es mir einfach leid, es tut mir leid um die guten Ideen, um die Geschichte und um die Figuren.

In einem Seminar zur politischen Prosa im Vormärz sagte unser Dozent vor Kurzem Folgendes, und ich glaube, das kann man auch auf „His Dark Materials“ übertragen:

„Wenn man schöne Literatur nutzt, um politische Inhalte zu transportieren, vergisst man leider mitunter das Schöne und schadet so gewissermaßen der Literatur.“

Trotz dieser Kritikpunkte habe ich bis zum Schluss weitergelesen, weil es spannend und ich wahnsinnig neugierig war, wie diese ganzen Fäden zusammengeführt werden und die Geschichte schließlich zu Ende geführt wird.

Viele Grüße und einen schönen 3. Advent!
Mandy

Advertisements